Allgemein,Kulturpolitik

Was „Kultur für alle“ heute bedeutet

IMG_2020von Ingo Siebert und Stefan Fischer-Fels

Berlin hat mit seiner Kunst und Kultur eine große Ressource für gesellschaftliche Teilhabe. Wir müssen sie nur nutzen!

Berliner Stimme, Nr.10 – 66. Jahrgang 7. Mai 2016

Berlin ist eine Kulturstadt: 20 000 professionelle Künstler*innen leben in unserer Stadt. 160.000 Beschäftige arbeiten in der Kultur- und Kreativwirtschaft. 200 Museen und Ausstellungshäuser, 400 Galerien und allein 6.000 bildende Künstler*innen; 27 Bühnen und Ensembles, darunter die drei Opern (mit der Neuköllner Oper eigentlich vier). Die Liste ließe sich für Musik, Chöre, Verlage usw. weiterführen. Das Kulturangebot ist einer der wichtigsten Magneten für die Besucher*innen der Stadt. Dennoch nimmt nur ungefähr 50% der Stadtgesellschaft diese zahlreichen und vielfältigen Kunst- und Kulturangebote der Stadt wahr. Die SPD war es, die den Begriff „Kultur für alle!“ aufgegriffen und geprägt hat. Es ist an der Zeit, diesen faszinierenden Begriff einer großen sozialdemokratischen Bildungsutopie neu zu definieren.

Teilhabe und Vielfalt

„Kultur für alle!“ in Berlin sollte heute heißen, möglichst Vielen die Teilhabe an Kunst und Kultur zu ermöglichen und für gute Arbeitsbedingungen der Kulturschaffenden zu kämpfen. „Es ist Aufgabe der Kulturpolitik, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass die zeitgenössische Kunstproduktion in ihrer Vielfalt erhalten bleibt und sich in der wachsenden Stadt Berlin weiterentwickeln kann“, heißt es in dem Themenpapier „Kunst und Kultur in der wachsenden Stadt Berlin“ des Berliner SPD Fachausschusses Kulturpolitik.

Der Fachausschuss hat in seinem Papier wichtige Elemente und Impulse zusammengetragen und will im Wahlkampf offensiv für die Kulturstadt Berlin eintreten. In diesem Artikel soll es um Anregungen und Ideen für Zugänge zu Kunst und Kultur gehen. In einem weiteren Artikel wollen die Autoren Vorschläge zu Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Künstler*innen und zur Kultur als Teil der Stadtentwicklung formulieren.

Kulturelle Spaltungen überwinden!

Stefan Fischer-Fels, Mitglied im Fachausschuss Kultur, ist bis Juli dieses Jahres Künstlerischer Leiter des Berliner Grips-Theaters. Ab Sommer leitet er am Düsseldorfer Schauspielhaus das Junge Schauspiel und baut eine „Bürgerbühne“ auf. Fotos: david baltzer/bildbuehne.de. Darst.:
Stefan Fischer-Fels, Mitglied im Fachausschuss
Kultur, ist bis Juli dieses Jahres Künstlerischer
Leiter des Berliner Grips-Theaters. Ab Sommer leitet
er am Düsseldorfer Schauspielhaus das Junge
Schauspiel und baut eine „Bürgerbühne“ auf. Fotos: david baltzer/bildbuehne.de.
Darst.:

In der Mitgliederbefragung hat die Berliner SPD beschlossen, dass alle staatlichen Museen in Berlin donnerstags bis 22 Uhr entgeltfrei besucht werden können. Ein guter und wichtiger Beschluss. Gleichzeitig ist die Nutzung von Kunst und Kultur nicht allein eine Frage des Geldbeutels, es ist vor allem eine Frage der Zugänge: Wer fühlt sich mit dem existierenden Kultur-Angebot angesprochen – und wer nicht? Es geht darum, unsichtbare Grenzen der Gesellschaft, die auch kulturelle Spaltungen sind, zu überwinden.

Hierfür hat die Stadt beste Ressourcen, nämlich nicht nur viele Künstler*innen, sondern auch viele Ideen, um mutige Konzepte zu entwickeln und verwirklichen. Die Kampagne „KulTür auf! Wir schaffen ZUGANG“ der Jugendkulturbüros, die innovativen Vermittlungskonzepte der Berliner Kinder- und Jugendtheater oder auch z.B. die Inszenierungen am GORKI-Theater zeigen, dass es keiner Weise um „Kunst-Zwang“ von oben geht, sondern um veränderte Ansprüche an die Rezeption von Kunst und Kultur – und intelligente Reaktionen darauf von Seiten der Kulturinstitutionen. Zur Teilhabe gehört die Entwicklung von Rezeption und Partizipation als zwei Seiten einer Medaille: Kunstverständnis, Zuschau- und Zuhörkunst fördern und gleichzeitig zu eigener kreativer Aktivität einladen. Mehrsprachigkeit, Beteiligung und Barrierefreiheit sind dabei wichtige Voraussetzungen. Ein Weg sind „Kollaborationen“. Kollaboration (engl. collaboration) in künstlerischen Kontexten beschreibt den gemeinsamen kreativen Prozess des Gestaltens und Lernens unterschiedlicher Akteure aus Kunst und Bürgerschaft. Und: Neben Innovation ist es wichtig, Kontinuität zu entwickeln, die partizipativen Elemente nicht nur als „Feigenblatt“ zu verstehen und im Haus entsprechen zu verankern.

Internationale Kulturszene in Berlin

Die Vielfalt der Kulturen und die wachsende internationale Kulturszene in Berlin sind der Reichtum und die Entwicklungschance der Stadt. Die neuen Zuwanderungsbewegungen in die Stadt werden diese Vielfalt noch mal verstärken. Unter den Geflüchteten sind natürlich auch Künstler*innen. Über ein Viertel der Bevölkerung Berlins besteht aus Menschen mit Migrationshintergrund. Diese Tatsache spiegelt sich noch nicht ausreichend in den öffentlich geförderten Kunstinstitutionen wider. Menschen mit Migrationshintergrund und weitere kulturelle Minderheiten sind in den Strukturen von Museen und Theatern, in den Jurys, bei Kurator*innen und Gremien für Kunst und Kultur weiterhin unterrepräsentiert. Das klassische Bildungsbürgertum schrumpft; die Vielfalt und Internationalisierung auch des Publikums in Berlin wächst rasant, Menschen mit Migrationshintergrund müssen verstärkt auch als Publikum gewonnen werden. Die Förderung neuer Akteure auf dem Hintergrund interkultureller Öffnung der Kunstinstitutionen ist Voraussetzung für eine zeitgemäße Kulturpolitik.

Unsere Forderungen

Eine Forderung, die der Rat für die Künste seit über zehn Jahr erhebt und mit konkreten Vorschlägen begleitet. Nun ist es an der Zeit diese Prozess zu beschleunigen: Dabei geht es um drei Veränderungen: Erstens braucht es Themen und Angebote mit diversen und globalen Perspektiven, also andere Narrative, wie sie beispielsweise mit der Idee des Postmigrantischen Theaters verbunden sind. Zweitens muss auf und hinter der Bühne die Vielfalt der Gesellschaft angemessen repräsentiert und Schritt für Schritt die Repräsentanz den gesellschaftlichen Realitäten angepasst werden. Drittens braucht es auch in den Jurys, bei Kurator*innen und Gremien stärkere Expertisen aus anderen kulturellen Kontexten.

Diese Forderungen, ernsthaft betrieben und von einer mutigen Kulturpolitik gefördert und eingefordert, werden die Berliner Kulturlandschaft verändern – sie wären ein großer Schritt hin zu dem Ideal einer „Kultur für alle“.